Geschichte
des Turn- und Spielvereins "Jahn"
Dellwig 1922
(aus
der Festschrift zum 75-jährigen Vereinsbestehen, Teil 1)
Gründung
Die
Gründung des Vereins erfolgte im Jahre 1922, zu einer Zeit also da die schweren
Wunden, die der erste Weltkrieg dem deutschen Volk geschlagen hatte, langsam zu
heilen begannen. Dieser Heilungsprozess verlief allerdings nicht in einer
Atmosphäre behaglicher Gemütlichkeit, sondern war von fieberhaften
Erscheinungen auf allen Gebieten des täglichen Lebens begleitet. Eine Vielfalt
von Parteien hatte das zerschlagene Erbe des zweiten Reiches angetreten, und
jede dieser politischen Gruppen versuchte mit allen Mitteln, die Masse der
deutschen Wähler für sich zu gewinnen. Ohne Kenntnis der einfachsten
Spielregeln der Demokratie, die da lehren, auch dem politischen Gegner
ehrenvolle Motive für sein Handeln zuzubilligen, wurde der Deutsche ein Opfer
seiner eigenen Gründlichkeit. Dieser typische Wesenszug unseres Volkes ist zwar
eine der Hauptursachen für seine großen Leistungen auf allen Gebieten der
menschlichen Kultur, auf die Politik aber angewandt, wird er zum nationalen
Fehler.
So
war es auch nach 1918. Alles musste bei der Liquidation des alten Regimes
gründlich getan werden. Gründlich zog auch jede Partei den Trennungsstrich
zwischen sich und den übrigen politischen Gruppen. Dass bei dieser falsch
verstandenen Gründlichkeit , die nichts Versöhnendes und Verbindendes an sich
hatte, der politische Radikalismus in seiner gefährlichsten Form Triumphe
feierte und seine Opfer in den kleinsten und abgelegensten Orten unseres
Vaterlandes fand, ist eine der schmerzlichsten Erfahrungen, die das deutsche
Volk in seiner langen Geschichte je hat machen müssen.
So
war es denn nicht verwunderlich, dass ein großer Teil der deutschen
Bevölkerung dieser politischen Machtkämpfe recht bald überdrüssig wurde und
sich darauf besann, dass es außerhalb der politischen Sphäre Werte gab, die
geeignet waren, die auseinander strebenden Tendenzen im Volk zu überwinden. Zu
diesen Werten musste in erster Linie die volks- und völkerverbindende Idee des
Sportes gerechnet werden.
So
ist dann auch die Gründung unseres Vereins allein aus dem Wunsch zur
Überbrückung der unglückseligen politischen Gegensätze und dem Willen zur
Pflege wahrhaft verbindender Interessen, wie sie eben der Sport bietet, zu
verstehen.
Noch
im Gründungsjahr beschloss der Verein, der deutschen Turnerschaft (DT)
beizutreten, und bekannte sich damit zur vaterländischen und
demokratischen Idee dieses ältesten deutschen Sportbundes, wie sie sich
in den vier "F" des Turnerkreuzes symbolisiert. Frisch - Fromm -
Fröhlich - Frei ist die Bedeutung dieser vier gleichen Buchstaben. Sie
verkünden, wie ein Turner sein Leben gestalten soll. Verpflichtet er sich,
diesen Grundprinzipien turnerischer Daseinsgestaltung zu dienen, so wird er von
Lebensfreude, Ehrfurcht vor den heiligsten Gütern der Menschlichkeit und
brüderlicher Hilfsbereitschaft erfüllt sein und damit ein wertvolles Glied der
menschlichen Gesellschaft werden.
Der
Anfang war, wie es den damaligen Umständen entsprach, äußerst schwer. Mit
Riesenschritten raste das deutsche Volk dem Abgrund der Inflation entgegen. Die
eigentlichen Gründer des Vereins,
Emil
Schwitanski und Heinrich Schmidt,
nahmen
das Wagnis einer Vereinsgründung auf sich. Das zeugt von dem turnerischen
Idealismus, der diese beiden Männer beseelte und ihnen die Überzeugung
verlieh, dass die gute Sache des Turnens sich trotz aller Schwierigkeiten
durchsetzte.
In
der Gründungsversammlung, die am 22. August 1922 in der Wirtschaft Müller in
Dellwig stattfand, sprach, von Turnbruder Schwitanski eingeladen, der damalige
Bezirksturnwart August Schröer, Fröndenberg, über Ziele und Aufgaben der DT.
In
der Gründungsversammlung erwählte man sich den Namen "Jahn" als
Symbol, wie es gerade zu dieser Zeit viele gleichgesinnte Vereine taten, die in
der Person des Turnvaters Friedrich Ludwig Jahn ihr anspornendes Vorbild sahen.
Der
Vorstand des neu gegründeten Vereins setzte sich wie folgt zusammen:
1.
Vorsitzender Walter Raffenberg
2. Vorsitzender Emil Schwitanski
Schriftwart Julius Wimpelberg
Kassenwart Karl Spahn
Ferner
gehörtem dem Vorstand die Mitglieder Wilhelm Naumann und Wilhelm
Schulze-Dellwig an. Die Wahrung der turnerischen Belange wurde Emil Schwitanski
als erstem und Heinrich Schmidt als zweitem Turnwart übertragen.
Zum
Vereinslokal wurde die Wirtschaft Karl Frese bestimmt. Die Chronik verzeichnet
eine große Begeisterung und zielstrebige sportliche Arbeit, dirigiert von den
beiden Turnwarten Emil Schwitanski und Heinrich Schmidt. Obwohl man sich bei der
Namensgebung alle Möglichkeiten sportlicher Betätigung offen gelassen hatte,
bestimmten zuerst Geräteturnen und Leichtathletik die sportliche Arbeit.
Aus
den ersten 20 Jahren des Bestehens
Erfolge des intensiven Trainings blieben nicht lange aus. Als erstes wurde 1923
das Gauturnfest in Neheim von einigen Dellwiger Turnern besucht und hier eine
fast jährlich wiederkehrende Tradition begonnen.
1924 gab es bereits den ersten Höhepunkt der kurzen Vereinsgeschichte. In
diesem Jahr wurde dem TuS Jahn Dellwig die Ausrichtung des Gauturnfestes
übertragen, ein Beweis dafür, wie sehr gefestigt die Vereinsarbeit inzwischen
war, aber auch dafür, dass der junge Verein im gesamten Turngau bereits großes
Vertrauen und Anerkennung erworben hatte. Diese Turnfest wurde nicht nur
organisatorisch von den Dellwigern gemeistert, auch die Zahl der Sieger hatte
sich wesentlich gesteigert.

Bezirksturnfest, zu
erkennen sind: Ernst, Schulze-Dellwig, Raffenberg, Böhmer, Wimpelberg, Naumann,
Spahn, Mester, H. Balkenhoff, Witte, Herzog, Beckmann, Arthur, Rubert, Rinke und
in der oberen Reihe rechts Emil Schwitanski.
1925 aber, gerade in der ersten erfolgreichen Aufbauphase, erlebte der
Verein dann auch seine erste Belastungsprobe. Mit dem Vereinslokal Frese brannte
auch der Saal ab, in dem die Turner ihre Übungsstätte gehabt hatten. Man stand
also sozusagen auf der Straße. Der Vorstand, wohl wissend um die negativen
Auswirkungen einer Zeit der Passivität, fand einen Ausweg. Man zog um in den
Saal der Gaststätte Bothe im Nachbarort Langschede und hielt so den
Übungsbetrieb aufrecht, wobei es sich nun erwies, wer echt und ernstlich die
Turnerei erwählt hatte und sich von dem nun für die damalige Zeit recht weit
gewordenen Weg nicht scheute. Interessant ist, dass hier zum ersten Mal der Ort
Langschede für die Dellwiger Sportler der Platz wurde, an dem sie ihre Übungen
durchführen konnten, ein Vorgang, der in den fünfzig Jahren bis 1972 mehrfach
geschah.
Aus diesem "Brandjahr" 1925 resultiert aber eine bedeutungsvolle
Ausweitung der sportlichen Skala des Vereins. Inzwischen war seit einigen Jahren
in den deutschen Turnvereinen das Handballspiel bekannt geworden und erfreute
sich von Jahr zu Jahr zunehmender Beliebtheit. Nun entstand auch in Dellwig eine
Handballmannschaft und der erste Ansatz der späteren Abteilung, die später
einige Male den Namen des Ruhrdorfes in weiten Bereichen bekannt machen
sollte.
Auf vielseitigen
Wunsch wurde dem Verein 1926 eine Frauenabteilung angegliedert, um auch dem
weiblichen Teil der Dellwiger Bevölkerung ausreichende Möglichkeit zu
planmäßigem Körpertraining zu geben. Eine Schülerinnenabteilung folgte bald.
Der Kenner des Dellwiger Sportvereins kann an dieser Stelle schon feststellen,
dass in diesen ersten Jahren die Abteilungen ins Leben gerufen wurden.
Die folgenden
beiden Fotos wurden freundlicherweise von einem Enkel des Vereinsgründers Emil
Schwitanski zur Verfügung gestellt.

Oben: mit Emil
Schwitanski, stehend in der ersten Reihe

Natürlich nahmen
auch die Sportler am Ereignis des Jahres 1932 in der Gemeinde Dellwig regen
Anteil, als durch die Initiative des damaligen Gemeindebürgermeisters und 1.
Lehrers Alfred Reichenbach das Dellwiger Freibad eröffnet wurde, an dessen
Errichtung sich alle Vereine des Dorfes freiwillig beteiligt hatten.
1933 fand in
Stuttgart das Deutsche Turnfest statt, an dem sich fünf Dellwiger Turner mit
Erfolg beteiligten. Vier Wettkämpfer waren im Jahre darauf beim Landesturnfest
in Minden. 1938 gelang es einem Vereinsmitglied, bei einem Deutschen Turnfest
Sieger zu werden.
Bei den Deutschen
Jugendmeisterschaften 1940 in Chemnitz wurde Fritz Stracke vom TuS
"Jahn" Dellwig Reichssieger im Keulenweitwurf mit 88,5 m. Dazu errang
dieses hervorragende Talent noch ein zweite Meisterschaft im Speerwerfen mit
57,94 m.
Auch 1942
verzeichnen die Annalen des Vereins eine Deutsche Meisterschaft, die diesmal
Werner Stracke in Breslau, wieder im Keulenweitwurf, mit 75,86 m errang.
Bei solchen
Wurftalenten konnten auch die Handballer leistungsmäßig profitieren!
In der Saison
1942/43 wurde die Jugendmannschaft des Vereins Westfalenmeister im Feldhandball.
Die siegreiche Jugendmannschaft, die den bis heute höchsten Titel für den TuS
"Jahn" Dellwig errang, setzte sich aus folgenden Spielern zusammen:
Heinz Möller, Günter Potraz, Reininghaus, Heinz Pieper, Herbert Stracke,
Wolfgang Ernst, Ernst Wellmann, Werner Stracke, Fritz Blase, Hans Stracke, Heinz
Tillmann, Erwin Stracke, Hans Reininghaus, Willi
Weber.
Leider machte der
nun immer grausamer und einschneidender werdende Krieg alles zuschanden. Als
schließlich, 1945, nach der totalen Katastrophe die Waffen schwiegen, war
der Tod von insgesamt 23 Mitgliedern zu beklagen.
(Fortsetzung siehe
Teil 2)